ON STAGE: [:SITD:] im KIR
Webzine - Eventberichte
Geschrieben von: Stefan Surkamp   
Donnerstag, 04. Oktober 2007 um 20:56 Uhr
live_2007_10_02Hochgespannt haben die Fans das neue [:SITD:]-Album "bestie:mensch" erwartet und wurden am 7. September 2007 endlich erlöst. Nicht minder hatte die Fanschar die gleichnamige Tour herbeigesehnt um die livetauglichkeit des neuen Materials beurteilen zu können und ein Wiedersehen mit Carsten, Tom und Frank zu feiern. Die Hamburger Fans hatten am 2. Oktober 2007 im KIR die Ehre und genossen den netten Bonus, am nächsten Tag ausschlafen zu können - Feiertag! So strömten dann auch gut 250 Besucher in allerbester Feierlaune in eine der Lieblingslocations des Hamburger Schwarzvolks.

So wie ursprünglich geplant lief der Abend dann aber doch nicht ab - am Eingang verkündete ein hastig geschriebenes Schild: "Heute: [:SITD:], PAINBASTARD, MODCOM". MODCOM? fragte sich manch einer der schon weit vor Einlass eintrudelnden Gäste. Eigentlich waren nämlich DESTROID als zweiter Support angekündigt. Dem interessierten Electro-Hörer war natürlich - insbesondere in Hamburg - klar, wer sich hinter dem Pseudonym MODCOM verbirgt. Die weniger Interessierten bzw. die, die über diesen Namen schlicht noch nie gestolpert waren mussten dann ein wenig Geduld aufbringen und gegen später rätseln... "Ist er das?" "Nee, der sieht nur so ähnlich aus!" "Doch, das ist er!" "Wirklich?" Ja, liebe Musikfreunde - es war tatsächlich Lokalmatador und VNV NATION-Frontman Ronan Harris, der sich da gegen 21:00 Uhr anschickte, den Musikhungrigen vor der Bühne als erstes einzuheizen. Ausgerüstet mit zwei elektronikgespickten Racks, einem Laptop, Aschenbecher und einer Flasche Wasser ging es erst einmal ruhig zur Sache. Okay, eigentlich blieb es auch ruhig - zumindest was den Showpart anging. So richtig eignet sich MODCOM als Projekt nämlich nicht für ausufernde Performance. So sah man den Erfinder des Future-Pop ungewohnt entspannt und mal nicht nach zwei Minuten total verschwitzt über die Bühne hetzen. Vielmehr beschränkte sich Ronans Aktivität auf die soundtechnische Feinabstimmung. Nichtsdestotrotz kam Leben in die Bude. Zunächst zögernd dann letztendlich aber doch überzeugt ließ sich das Publikum mitreißen und spätestens bei einer abgespeckten Version des VNV NATION-Hits "Chrome" war der Bann gebrochen... Dieser Auftritt war sicherlich auch eine kleine Geste unter Kollegen, schließlich war es eben jener Ronan Harris, welcher [:SITD:] im Jahre 2001 als Support mit auf die "FuturePerfect"-Tour genommen hatte - damals ein Wendepunkt in der Karriere der drei.

Nachdem Ronan die Fans aufgewärmt hatte, traten nach einer erfreulich kurzen Umbaupause (welche sicherlich vor allem der Tatsache geschuldet war, dass die Bühne im KIR dann doch recht klein geraten ist) PAINBASTARD vor das Publikum. Mit einer interessanten Mischung aus Metal-, Electro- und Industrialelementen machten sich Alex P. und Alex K. daran, der Menge noch eine Stufe mehr Enthusiasmus und Tanzwütigkeit zu entlocken - mit Erfolg! Ungeachtet der beschränkten Bühnendimension fegte Sänger Alex P. von einer Seite auf die andere und beugte sich immer weit in die erste Reihe hinein. Nach einer knappen Stunde dann die schöne Überraschung: Das Publikum wollte die beiden Protagonisten gar nicht von der Bühne lassen. Mit gespielt schlechtem Gewissen und einer gehörigen Portion Genugtuung gaben PAINBASTARD dann die erste Zugabe auf dieser Tour. Zu Recht sah Alex P. dann auch das Vorurteil des unterkühlten norddeutschen Temperaments als widerlegt an. Das ist in Hamburg schon einigen so ergangen...

Derart in Stimmung gebracht wurden die drei SHADOWS IN THE DARK mit frenetischem Applaus auf der Bühne begrüßt. Diese ließen sich dann auch nicht lange bitten und begannen ihr Set mit dem "bestie:mensch"-Opener "Herbsterwachen", welcher ja auch perfekt zur aktuellen Wetterlage passt. Gleich hinterher folgte mit "Lebensborn" der erste Kracher des Abends und schon jetzt war das Publikum nach der kurzen Pause wieder auf Betriebstemperatur. Es wurde getanzt, was die Beine und der knappe Platz hergaben! Es stellte sich heraus, dass [:SITD:] an diesem Abend eine lange Reise durch die Diskographie anpeilten. Nach dem von der "Odyssey: 13" stammenden "Firmament" und dem auf der unlängst mit PAINBASTARD veröffentlichten "Klangfusion"-DMCD enthaltenen "Kreuzgang" sprang man wieder zu einem älteren Track ("Rose-Coloured Skies") zurück. An dieser Stelle brauchte Carsten dann eine erste Auszeit. Kein Wunder, wenn man beobachtet hatte, dass er sich wirklich nichts schenkte und jeden Song mit geballter Energie ins Publikum jagte. Mit Blick auf die tief hängenden Scheinwerfer und die dadurch stetig steigenden Temperaturen war es ihm von Herzen gegönnt - zumal er mit dem nun hinter seiner Synthie-Station hervorgekommenen Tom einen würdigen Vertreter hatte. Dieser intonierte nun mit ein wenig Pathos aber dennoch überzeugend "Upstairs" und "Displaced" - die eher ruhigeren Stücke, die dann auch das Publikum wieder ein wenig zu Atem kommen ließen.

An dieser Stelle sei dann einmal der aktuelle gesellschaftspolitische Aspekt gewürdigt, den [:SITD:] immer mal wieder in einen herausragenden Song verpacken. 2003 war es "Laughingstock", mit dem sie das Erfurter Schulmassaker verarbeiteten und 2005 mit "Plastination City" die Körperwelten des Gunther von Hagens thematisierten. Im Jahre 2007 sind dann auch für [:SITD:] 30 Jahre seit dem "Deutschen Herbst" vergangen. Folgerichtig heißt der Song mit dem aktuellsten bezug dann auch "Stammheim" - neben dem Namen des Stuttgarter Ortsteils in dem das Gefängnis der RAF-Kader steht mittlerweile zum Synonym für das 1977er Geschehen hinter den Mauern, welches bis heute nicht komplett aufgeklärt werden konnte. Mit diesem Streich vom neuen Album nahm dann Carsten wieder das Szepter in die Hand und schob mit bereits erwähntem "Laughingstock", "Propaganda" und "Wegweiser" noch drei Kracher hinterher. Hallo wach?!

Nun wäre eigentlich die Zeit für Zugaben reif gewesen, allein die Präsentation gestaltete sich schwierig. Den affekthaschenden Bühnenab- und wieder Aufgang konnte man sich ob der Publikumsnähe jedenfalls schenken. Das leuchtete dann auch Tom ein, der ohne Umschweife erklärte: "Ach, wir machen einfach weiter!", was er dann auch direkt wieder selbst übernahm - mit dem neuen "Suffering In Solitude". Ein weiteres Highlight des Abends folgte dann direkt auf dem Fuße, als Ronan Harris erneut die Bühne betrat und mit den Jungs die [:SITD:]-Version seines mit MODCOM schon angestimmten Hits "Chrome" anstimmte. Der Anfang eines grandiosen Finales, welches dann auch - natürlich! - "Richtfest" und "Snuff Machinery" enthielt. Unter dem Jubel der Fans und dem nun in der ersten Reihe beim Tanzen gesichteten Kollegen Ronan fand dieses außergewöhnliche Konzert ein Ende. Nicht jedoch der Abend selbst - bei der anschließenden After-Show-Party durfte weiterhin gefeiert werden, was nicht wenige dankend in Anspruch nahmen.
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