WUMPSCUT: "Auf der Stelle treten ist mir zuwider!"
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Geschrieben von: Stefan Surkamp   
Mittwoch, 07. Februar 2007 um 18:00 Uhr
Mit dem neuen Album "Body Census" schickt sich :wumpscut: alias Rudy Ratzinger im April an, erneut die Clubtanzflächen zu füllen (zur Album-Rezension). Grund genug für Northern-Gothics.de mal bei ihm nachzufragen, wie es in seinen Augen um das neue Album, die Schwarze Szene und den Bereich der elektronischen Musik bestellt ist. Die Antworten des Großmeisters aus Landshut kannst Du in unserem aktuellen Interview nachlesen.

NG: Hallo Rudy, Dein neues Album „Body Census“ steht kurz vor seiner Veröffentlichung. Ist so ein „alter Hase“ wie Du eigentlich immer noch nervös vor einem Release oder schleicht sich irgendwann eine gewisse Routine ein?

Rudy R.: Im Lauf der Zeit kennst du die Mechanismen, Vorgänge und so weiter, aber trotzdem ist es immer wieder schön zu sehen, dass die Menschen nur darauf warten, etwas Neues von dir in Händen zu halten - das rührt mich oft und immer wieder.

NG: Vielfach wurde gejammert, dass der, nennen wir ihn mal „originäre Wumpscut-Sound“, nach der „Wreath Of Barbs“ verloren gegangen ist. Angeblich fehlt es Deinen neueren Werken an Biss. Siehst Du selbst eine grundlegende Veränderung in der musikalischen Ausrichtung des Projektes?

Rudy R.: Nein, überhaupt nicht. Ich persönlich empfinde es eher so, dass mir ein Treten auf der Stelle einfach grundlegend zuwider ist - es gibt (mittlerweile) jedes Jahr einen Fortschritt bei :W:. Und da kann es gut sein, dass die Entwicklung Haken schlägt, diese jedoch von Innen heraus immer im positiven Sinn. Wenn ich mir dazu im Vergleich vieles andere anhör, was mir so hingelegt wird, geben mir oft die ersten Takte schon recht.

NG: Nehmen wir mal an, dass wir uns auch im Jahre 2015 über eine neue Wumpscut-Veröffentlichung freuen können – wie würde das Deiner Meinung nach klingen?

Rudy R.: Immer nach :W:, aber immer ANDERS und NEU. Mal sehen, vielleicht schaffen wir das ja, ha? Wer weiss, wer weiss - man hat ja schon Pferde vor die Apotheke kotzen sehen, falls du dich noch an diese alte Weisheit erinnerst...

NG: Depeche Mode schaffen es seit über einem Vierteljahrhundert immer wieder, sich dergestalt zu wandeln, dass sie immer wieder neu und trotzdem unverwechselbar klingen. Wie gelingt ihnen das Deiner Meinung nach?

Rudy R.: Das machen die Jungs ganz hervorragend - aber ich muss auf alle Fälle dazusagen, dass für mich persönlich DM niemals einen grossen Stellenwert hatte. Doch dies schmälert in keinem Fall die Konsequenz. Worauf du vielleicht hinauswillst: Exciter ist für mich KEIN Durchhänger.

NG: Daran anknüpfend: Wie beurteilst Du den teilweise radikalen Stilwechsel von anderen Electro-Acts und –Projekten wie VNV Nation, Project Pitchfork und Covenant in rein musikalischer Hinsicht? Da klingt heute ja kaum noch etwas von den Arrangements durch, die diese Bands einst zum Erfolg geführt haben.

Rudy R.: VNV Nation: Für mich kaum ein Unterschied. Project Pitchfork: Nie damit befasst, damit geht's mir ähnlich wie mit DM. Covenant: Vielleicht ein Bisschen zu abgehoben für den Fankreis mittlerweile, ja. Unterschätz' nicht die Macht der Zeit, ich bin mir sicher, dass alles Genannte sich rechtfertigt für die letzten Elaborate.

NG: Ist es Deiner Meinung nach egal, was man auf einem Album „abliefert“ sofern man den Sprung zum Plattenvertrag und einem ersten erfolgreichen Longplayer erst einmal geschafft hat? Hat man dann „Narrenfreiheit“?

Rudy R.: Auf keinen Fall - war noch nie so, denke ich. Und wenn doch mal ein Erstlingswerk was Einmaliges hat, nennt man das (genau wie überall eben) One Hit Wonder - fertig, das ist alles. Und in der derzeitigen Krise ist auch Konstanz und Konsequenz kein Garant, da seid Euch mal sicher.

NG: In diesem Zusammenhang: Wie wichtig sind Dir nach all den wechselhaften Wumpscut-Jahren überhaupt noch Rezensionen und Fan-Reaktionen? Es gibt ja reichlich Acts, die von sich behaupten, ihnen sei es egal wie ihre Werke ankommen.

Rudy R.: Zur Klar- und Richtigstellung: Wir haben keine wechselhaften Jahre hinter uns, die gab es noch nie bei :W:. Was mir im Gegensatz zu vielen anderen Acts auffällt ist eine gewisse Barschheit dem Macher gegenüber - und dies liegt wohl eher an meiner Gutmütigkeit.

NG: Zurück zu „Body Census“ – das Artwork stammt wieder einmal vom Grafikdesigner Francois Launet, der auch schon „Blondi“ für Dein vorletztes Album „Evoke“ entworfen hat. Wie läuft da der Austausch zwischen Euch beiden und wie entwickeln sich dabei Deine eigenen Vorstellungen im Laufe des Arbeitsprozesses?

Rudy R.: Grundkonzept/Grundidee immer von mir, Ausarbeitung dann von jemand anders: wenn ich auch noch die Grafik zu meinen Alben erstellen müsste, hab ich einen 48-Stunden-Tag. Im Fall von "Evoke" war die Sache natürlich andersartig, denn "Blondi" kommt ja aus dem Computer - im Gegensatz zu "Body Census", hier wurden ja alle Illustrationen per Hand erstellt. Ich mag Francois Launets Stil sehr gern, der Mann ist hochprofessionell, hält immer seine Deadlines etc. etc. - allerdings soll er nicht der einzige sein, der für :W: die Grafik gestaltet. Mal sehen, wer das nächstes Mal übernimmt, ich selbst hab hier noch keinerlei Vorstellungen.

NG: Die Gegensätze zwischen dem „Evoke“-Artwork und dem der „Body Census“ könnten größer kaum sein – ist Francois ein Allroundtalent?

Rudy R.: Ja, und WIE. Der Mann hat einfach grafisches Gespür für soviele verschiedene Dinge/Techniken.

NG: Wie wichtig ist Dir die visuelle Umsetzung Deiner Musik überhaupt? Spielen dabei auch „banale“ Verkaufsinteressen eine Rolle nach dem Motto „Das Auge kauft mit“?

Rudy R.: Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, in der ich einfach durch die Regale gestreift bin und nach COVERS gesucht hab - ganz unabhängig von Stil und Schublade. Und dabei war damals (wie auch heute noch: siehe zum Beispiel :W:) vieles zu entdecken, auf das ich eben ohne 'Auge' nie gestossen wäre.

NG: Wumpscut-Alben erscheinen mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit...

Rudy R.: Die Betonung liegt auf 'schön', ja, genau.

NG: Schließt Du denn bei Deinem Schaffensprozess immer ein Album ab und machst Dich dann an das nächste, oder kommt es auch schon vor, dass ein Track entsteht und erst auf einem späteren Album veröffentlicht wird?

Rudy R.: Die Produktionszyklen sind fast immer voneinander getrennt - dies hat vor allem auch damit zu tun, dass immer ein halbes Jahr schlicht und einfach GAR nix mit Musik gemacht wird hier im FHQ.

NG: Mit dem Track „You Are A Goth“ gehst Du mit der verbissenen „Wir sind anders“-Mentalität einiger Menschen in der Szene ein wenig ins Gericht und zeigst fast schon prophetisch die möglichen Konsequenzen daraus auf. Ist das als mahnender Zeigefinger gedacht oder eher eine Art freundschaftliches Sticheln?

Rudy R.: Das denkt sich mal jeder selbst dazu. Nimm den Track einzeln aber nicht zu wichtig, ist ja nur einer von 11 auf "Body Census". Ich bin mir sicher, dass viele die Botschaft einfach überhören. Denkt dran: Wir sind in Deutschland, und hier funktioniert ein Song zumeinst auch OHNE Textverständnis.

NG: Nimmt sich die Szene selbst zu ernst?

Rudy R.: Kommt drauf an, wen genau Ihr damit meint. Szene-Neueinsteiger sicherlich ein wenig.

NG: Interessiert Dich neben dem clubtauglichen Abschneiden Deiner Songs eigentlich, was innerhalb der Gothic-Welt sonst gerade „in“ ist?

Rudy R.: Die Gothic-Welt war mal ein schöner Tummelplatz von Verrückten, die zwar alle auch gewissen Stereotypen nachjagten, aber wohl noch Ideale weit abseits von dem hatten, was wir seit einigen Jahren erleben: Klischee auf Klischee, Durchgestyltes auf Durchgestyltes. Die Digitalisierung ist da in grossem Mass mit dafür verantwortlich, denn nie war es einfacher, aus heisser Luft Musike zu rendern, Papier zu bedrucken und Latex an Leder zu nähen.

NG: Daran anknüpfend: Musikalische und stylingbezogene Präferenzen haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert und nehmen immer mehr technoide Züge an. Böse Zungen behaupten sogar, in 5 Jahren würde man z. B. auf dem WGT auffallen, wenn man etwas schwarzes am Körper trägt. Deine Meinung dazu?

Rudy R.: DAS glaub' ich nun nicht, aber gewisse Tendenzen scheint es ja zu geben. Wir werden sehen, sind ja alle noch recht jung - irgendwie.

NG: Wir haben gelesen, dass Du bei einigen Release-Partys höchstpersönlich anwesend sein wirst. Wo wird das der Fall sein? Kommst Du vielleicht auch in nördliche Gefilde?

Rudy R.:

Karlsruhe - 23.03. - Kulturruine
Mainz -24.03. - KUZ
Nürnberg -30.03. - Loop
München - 31.03. - Loft
Leipzig - 06.04. - Darkflower
Berlin - 07.04. - Lime Club
Stuttgart - 14.04. - Röhre
Utrecht - 20.04. - Ekko

NG: Nitzer Ebb treten wieder auf, ebenso Bauhaus… Die elektronische Musik scheint eine Renaissance zu erleben. Worauf führst Du zurück, dass „die alten Helden“ wieder so gefragt sind? Ist es vielleicht auch ein Ausdruck dafür, dass die aktuelle Musik den Hörer nicht mehr in Herz und Hirn erreicht?

Rudy R.: DAS kann man sicher sagen - in gewissen Grenzen wohl.

NG: Ist es vielleicht auch ein gewisser Ausdruck für dieses bekannte „Früher war alles besser„-Gefühl?

Rudy R.: Der Meinung bin ich eigentlich nicht (im Allgemeinen/auf's Leben bezogen), aber kann gut sein - insofern jemand das Früher überhaupt aktiv erlebt hat und trotzdem immer noch in der Szene ist.

NG: Die Nationalhandballer haben gerade geschafft, was der Klinsmann-Elf im Sommer nicht geglückt ist. Interessierst Du Dich für Handball? In Deiner näheren Umgebung gibt es ja keinen Erstligaverein…

Rudy R.: Nicht - die - Bohne.

NG: Zum Abschluss noch mal zurück zum Album: Hast Du einen persönlichen Lieblingssong? Wenn ja welchen und warum?

Rudy R.: Zur Zeit noch nicht, das dauert noch.

NG: Wir danken Dir ganz herzlich für dieses Interview, wünschen Dir viel Erfolg mit „Body Census“ und überlassen Dir die letzten Worte…

Rudy R.: 'Letzte' Worte wär zuviel/zu früh gesagt, ich hab da noch ein paar ganz wichtige Dinge zu sagen und ein paar ganz wichtige Tracks abzuliefern - aber dazu wohl mehr im NÄCHSTEN Jahr.
 
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