| ASP: "Die Charts interessieren uns einen Scheiß!" |
| Webzine - Interviews |
| Geschrieben von: Kathrin Andresen |
| Donnerstag, 23. Oktober 2008 um 01:00 Uhr |
|
Mit "Zaubererbruder" hat die Ausnahme-Formation ASP gerade ihr - nein, nicht 'neuestes' sondern wirkliches - Meisterwerk veröffentlicht. Mehr oder weniger bedauerlicherweise nahezu zeitgleich mit dem zum selben Thema erschienenen Kinofilm "Krabat". Doch die Frankfurter Düsterrocker wären nicht so erfolgreich, wenn sie dem totalen Kommerz nicht etwas von wahrem Wert entgegenzusetzen hätten. Etwas, wie eine wirklich einzigartige Akustik-Tour, die sämtlichst bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Kathrin Andresen und Stefan Surkamp aus der NORTHERN-GOTHICS.DE-Redaktion hatten vor dem Konzert in der Hamburger Markthalle Gelegenheit, ASP zu sprechen. Das Interview als 'interessant' zu bezeichnen würde den tiefgreifenden Aussagen ASPs zum Album und der Akustik-Tour nicht gerecht werden. Nennen wir es deshalb lieber 'erhellend', denn es bringt Licht in das Dunkel, welches diesen außergewöhnlichen Menschen umgibt. NG: Hallo ASP und wieder einmal herzlich Willkommen im Norden! Ihr gebt heute Abend das 13. Konzert innerhalb von zwei Wochen - wisst Ihr eigentlich, in welcher Stadt Ihr heute seid? ASP: (lacht) Ja, das wissen wir, Gott sei Dank. Das wussten wir gleich heute Morgen, als wir hierher nach Hamburg gefahren sind. Ich habe diesmal gar nicht so sehr das Gefühl, dass man schon diese Ausfallerscheinungen hat. Wir sind alle unfassbar diszipliniert und konzentriert an der Arbeit - zum Feiern blieb diesmal fast nirgends Zeit, was vor allem für die Rockband (Anm. d. Red.: Matze, Himmi und Tossi) ein bisschen neu war. Wir haben auch so ein intensives Programm, und es war für uns dann auf Tour auch ein bisschen überraschend, wie anstrengend das Ganze ist. Ich muss ehrlich sagen: Die letzte Rock-Tour war kein Vergleich zu dem, was hier passiert. Ich komme körperlich und vor allem gesangstechnisch an völlig neue Grenzen. Das ist mega-anstrengend und danach ist man dann einfach ausgepowert. NG: Der Endspurt steht ja an - habt Ihr denn nach so einer intensiven Zeit noch Reserven für die letzten drei Konzerte? ASP: Ich glaube, ich bin heute recht fit. Es gab schon so ein oder zwei Momente, in denen man vor allem Angst um die Stimme hatte, weil man ständig in Räumen sitzt, die nicht eben warm sind, man bekommt Zug, schwitzt dann wieder auf der Bühne. Insgesamt sind das aber eher Kleinigkeiten und, toi, toi, toi, es hat alles gehalten bisher. Und ich hoffe, dass es heute Abend auch so bleibt. Die Voraussetzungen sind aber denkbar gut heute. In diesem Moment klingelt ASPs Handy. Am anderen Ende ist ERIC FISH, Frontman von SUBWAY TO SALLY und einer der Gastsänger auf "Zaubererbruder", welcher sich nach dem Stand der Planungen für ein Duett mit ASP auf dem Abschlusskonzert zwei Tage später in Berlin erkundigt. Diese unerwartete Unterbrechung bietet uns Gelegenheit, noch "mehr" ASP zu erleben, als vermutet. Es ist unglaublich eindrucksvoll, mit welcher freundschaftlichen Wärme ASP dieses Telefonat geführt hat: Wenn er sagt "Ich freue mich auf Dich!", dann merkt man, dass er es auch genau so meint. ASP: So, das war der ERIC FISH und den wollte ich nun nicht warten lassen. NG: Kein Problem, das verstehen wir. Also, noch einmal zur Frage: Ihr habt noch Reserven? ASP: Richtig, ja, ich glaube schon. Wie gesagt ist die Disziplin sehr groß und wir werden sehen. Versprechen kann ich natürlich nichts, nicht, dass Ihr hinterher enttäuscht seid. (lacht) NG: Da vertrauen wir Euch voll und ganz. Ihr seid ja, was akkustik/unplugged angeht, durch die "Once In A Lifetime"-Tour zusammen mit Chamber nicht ganz unbewandert. Ist dieses Konzept grundsätzlich wieder einmal denkbar, oder ist diese reine ASP-Tour so einmalig, wie es der Untertitel aussagt? ASP: All diese Dinge sind einmalig, was vor allem daran liegt, dass diese Konstellation von Musikern so nicht wieder stattfinden kann. Es ist unglaublich schwierig mit solchen Musikprofis, wie wir sie dabei haben. Die sind ständig irgendwo anders gebucht und es wäre sehr schwer, das noch einmal auf die Beine zu stellen. Wir haben, im Gegensatz zur "Once In A Lifetime"-Tour, sehr stark darauf geachtet, dass die Arrangements nicht zu klassisch werden. Wir wollten eher dieses Folk-Feeling transportieren, was besonders auf "Zaubererbruder" vorherrscht. Ich glaube, das ist einfach ein ganz anderes Feeling als bei "Once In A Lifetime", und das merkt man auch. Es ist noch wesentlich anspruchsvoller und anstrengender für uns. Zum Beispiel habe ich diesmal keine einzige Pause. Das war schön mit CHAMBER auf Tour, weil dann immer mal wieder CHAMBER-Songs gespielt wurden und ich nicht singen musste. Die Einzigartigkeit liegt auch darin, dass wir versucht haben, die Balance zu halten zwischen den "Zaubererbruder"-Songs und älteren ASP-Stücken, die wir in einem gemeinsamen Gewand präsentieren, so dass sie einfach homogen wirken im Gesamtkonzert. NG: Wenn man die "Beziehung" zwischen Dir und dem Publikum betrachtet, wie groß ist dann der Unterschied zwischen den Rock-Shows und dieser besonderen Tournee? ASP: Ich empfinde den Unterschied vor allem dadurch, dass die Reaktionen ganz anders sind. Sie sind viel zurückhaltender. Wobei das ganz stark geprägt ist durch die Location in der wir spielen. Wir sind hier heute in der Markthalle, hier ist alles etwas rustikaler - ein Rockclub eben. Wir haben auf dieser Tour aber auch schon in Kirchen gespielt und im Capitol in Offenbach, das ist ein altes Filmtheater. Und wenn die Leute dann in eine solche Location kommen, dann sind sie natürlich schon sehr viel ehrfürchtiger, bevor überhaupt der erste Ton gespielt wird. In Rock-Clubs, in denen wir heute und an den letzten beiden Tagen aufgetreten sind, sind das völlig andere Grundvoraussetzungen. Man muss jeden Abend drauf reagieren, wie die Leute drauf sind. Das war für uns eine Umstellung, denn das Klatschen und dass die Leute mit uns feiern wollen, das haben wir diesmal nicht ganz so stark. Insgesamt ist es ein viel ruhigerer Abend. Allerdings bemerken wir auch, wie sich die Begeisterung Bahn bricht und die Leute einfach aufstehen müssen um mal "abzuzappeln". NG: Bevor wir auf das Album "Zaubererbruder" zu sprechen kommen, möchten wir noch etwas wissen, was viele Leute auf dem diesjährigen M'ERA LUNA furchtbar geärgert hat. Was war dort mit dem Ton los, wir haben Dich einfach nicht gehört?! ASP: Wenn wir DAS genau wüssten, dann hätten wir ein großes Problem weniger! Es sind an diesem Abend so viele Faktoren zusammengekommen. Ganz grundsätzlich war es so, dass wir mit unserem Rockprogramm nicht durchgekommen sind, weil die Anlage, die dort stand nicht ausgereicht hat für das, was wir machen wollten. Die anderen Bands hatten alle sehr viel dichtere Frequenzen, einfach dadurch, dass dort viel mehr vom Playback kommt. Bei denen ging es einigermaßen. Aber alle anderen hatten auch Probleme, wobei sie besser gegensteuern konnten, weil sie gewisse Frequenzen dann einfach rausnehmen können und dann mehr Luft da ist. Das kann man bei uns nicht machen - wir sind halt eine Rockband. Ich habe aber gehört, dass es am nächsten Tag besser gewesen ist. NG: Wesentlich besser, ja. ASP: (sinniert) Ich weiß nicht ob das der alte Fluch ist, was ASP auf dem M'ERA LUNA angeht: Wir werden dort immer und immer auf die Electro-Bühne gestellt. Es war schon im Hangar immer so, dass wir am Electro-Tag gespielt haben und dieses Mal auch am Electro-Tag auf der Hauptbühne. Und das hat bei uns dann einfach nicht hinhauen wollen. Unser Tonmann hat alles gedreht, was ging, aber es hat nichts genützt. Auf dem M'ERA LUNA gibt es auch ein Limit, was die Lautstärke angeht, ganz einfach um die Anwohner nicht zu sehr zu stören. NG: Nun aber zum Album: Für Dich ist mit der Veröffentlichung von "Zaubererbruder" ja ein langgehegter Traum in Erfüllung gegangen, wie Du im Vorwort zur CD schreibst. Wie war das mit dem Rest der Band, wie haben die Anderen das empfunden? ASP: Oh. (schmunzelt) Der Rest der Band hat das gar nicht empfunden, würde ich sagen. Dieses Konzept war sehr stark von mir allein geprägt, wie das eigentlich beim Schmetterling auch war. Wir funktionieren ja nicht klassisch als Proberaum-Band, dass wir sagen: "Wir schreiben Musik zusammen". Das entsteht erstmal im stillen Kämmerlein bei mir, dann gehe ich mit den Ideen zu Matze, wir arrangieren es und er produziert es aus. So war es auch diesmal. Also, den anderen ist die Geschichte um Krabat teilweise schon bekannt oder sie haben sie durch mich kennengelernt. Das Interesse war auf jeden Fall da, aber es war schon sehr mein Baby. Ich habe die ganzen Recherchen gemacht. Das ist aber auch etwas, das man nur allein machen kann: Man geht allein auf die Reise, kommt mit den Eindrücken zurück und dann kommen die Anderen dazu. NG: Du hast in Deinem Vorwort auch davon gesprochen, dass Du hoffst, die Leute durch das Album auf die Spur der beiden "Krabat"-Bücher von Preußler und Brezan zu führen, was Dir bei uns auf jeden Fall gelungen ist. Allerdings vermissen wir in beiden Büchern etwas, was in der Erzählung auf Deinem Album wesentlich vollständiger ist. Bei welchen Dingen hast Du Dich bewusst von den Erzählungen entfernt und warum? ASP: Ich glaube, das Hauptanliegen war, dass es mir genauso ging: Ich habe die Bücher gelesen und es hat mir immer etwas gefehlt. Ich habe mich immer gefragt "War das jetzt schon alles?!" Diese Leere zu füllen, die ich dabei empfunden habe, war der Hauptgrund, weshalb mich die Geschichte nicht losgelassen hat und warum ich das aus einer anderen Perspektive erzählen wollte. Für mich waren die Jahre, nachdem Krabat die Mühle verlassen hatte, immer sehr wichtig, weil ich finde, dass man. (er stockt und seufzt) Wie sage ich das jetzt am besten.? Also: Ich finde, Ottfried Preußler hat alles genau richtig gemacht! Für das, was er erzählen wollte, war es genau richtig und es ist wunder-, wunderschön geworden. Mir hat aber dieses dramatische aus der Originalsage, die ja sehr schwammig und undefiniert ist, wie es ja bei regionalen Sagen immer der Fall ist, gefehlt. Da waren Aspekte drin, die haben mich fasziniert. Zum Beispiel, dass am Todestag Krabats ein weißer Schwan in den Himmel geflogen ist. Das kommt fast überall irgendwie vor. Dieses Bild hat mich unheimlich fasziniert. Ich habe es dann für mich anders bearbeitet, denn ich musste die Kantorka ja sterben lassen, um Krabat noch einmal auf eine andere seelische Reise zu schicken. Die Kantorka hat natürlich Ottfried Preußler erfunden, die gab und gibt es in dieser Sage nicht. Eigentlich läuft es darauf hinaus, dass die Mutter ihn beim bösen Müller freispricht. Ich finde es wunderschön, wie es bei Preußler gelaufen ist und ich hätte es genauso gemacht, hätte ich einen Roman geschrieben, ganz sicher. So eine Liebesgeschichte macht natürlich viel her. Aber ich musste nachher tatsächlich sehen: Wie werde ich das Weibsstück wieder los!? (lacht) NG: Eine Sache, die wir in den beiden Büchern sehr faszinierend fanden, hast Du weggelassen: Krabat muss am Ende seinen Freund töten. Bei Preußler war es nur eine Vision, bei Brezan ist es wirklich passiert. Auf "Zaubererbruder" fehlt dieser Aspekt ganz. Warum? ASP: Das Problem war, dass dieses Ereignis in den Handlungsstrang mit der Kriegsgeschichte fällt. Es gibt ja diese wirklich schon fast Münchhausen-artige Abenteuergeschichte, wie Krabat den Kurfürsten aus dem Lager der Türken befreit und ich hatte von Anfang an Probleme mit dieser Version, weil ich mir nicht sicher war, inwieweit ich dieses Verharmlosende überhaupt umsetzen wollte. Denn für mich war es so, dass ich dieses Schreckensbild "Krieg", in das Krabat sich nachher begibt, nicht so verharmlosend darstellen wollte, und darum fiel dieser Teil dann weg. NG: Für uns war das Album in seiner Gesamtheit noch wesentlich emotionaler als viele andere von Euren Alben. Welches Stück geht Dir am nächsten? ASP: Hm, das ist aber sehr schwer zu sagen. (überlegt lange) Ich glaube,, ohne das jetzt werten zu wollen, oder dieses Stück nun als den Favoriten herausstellen zu wollen, dass mich "Am Ende" ganz stark berührt. Das ist auch beim Singen eine sehr emotionale Sache. Es ist auch ein Stück, dass sich vom der ersten bis zur endgültigen Aufnahme in seiner Gesamtheit recht wenig verändert hat, weil diese Gesangslinie einfach so stark ist. Es ist auch die Schlichtheit. Hier muss ich mal etwas Eigenlob anbringen, es geht nicht anders: Es fasziniert mich, dass es uns gelungen ist, diese vielen schlichten Momente, die ja trotzdem emotionale Tiefe haben, auf dem Album zu haben. Das geschafft zu haben, macht mich stolz und darum empfinde ich gerade die Balladen sehr stark. Auf der anderen Seite ist ein Stück wie "Verwandlungen" einfach ein geiles Kunststück, und das macht natürlich auch Spaß. Es war ja auch bisher auf den ASP-Alben immer so, dass wir ein episches, langes Stück hatten, das auch so ein bisschen verquer sein darf. "Abschied" ist auch ein Lied, das mich auf eine besondere Weise anrührt, weil es eigentlich ein sehr punkiges Stück ist und trotzdem eine tiefe Melancholie in sich birgt. Aber wahrscheinlich könnte ich jetzt endlos so weitermachen und zu jedem Lied irgendwas finden, das mir besonders gut gefällt. NG: Da wir gerade bei den Emotionen sind, schweifen wir kurz mal etwas vom Album ab: Du bist in Deinen Songs unglaublich emotional, auf der Bühne sowieso. Lebst Du das alles nur über die Musik aus oder schaffst Du das auch in Deinem Alltag? ASP: Dafür habe ich ja Gott sei Dank die Musik. Aber ich bin ohnehin ein sehr emotionaler Mensch. Das kann man nicht switchen je nach dem, was man gerade macht. Ich denke, dass die Musik für mich ein tolles Ventil ist und es ist auch fast so etwas wie Eigentherapie, diese Emotionen zu durchlaufen. Aber das ist auf der anderen Seite auch etwas, das einem nicht immer unbedingt gelegen kommt. Wenn man sich z. B. auf so ein Abenteuer begibt wie eine Tournee, muss man eben in zwei Wochen dreizehn oder vierzehn Mal jeden Abend bereit sein, diese emotionale Berg- und Talfahrt einzugehen. Das ist nicht immer schön und auch nicht immer einfach. Aber das Gute ist: Sobald man auf der Bühne steht ist es irgendwie doch wieder toll. Wir merken aber schon sehr, wie stark wir für diese Stunden am Abend Leben aufsparen, Energie aufsparen, damit wir das schaffen. Emotional, und auch was die Kräfte angeht. Man kommt wirklich an seine Grenzen und das möchte ich auch nicht jeden Abend in meinem Leben machen müssen, aber so eine Tour ist natürlich toll. NG: Einige der "Zaubererbruder"-Songs waren ja schon auf den Singles zu "Ich Bin Ein Wahrer Satan" enthalten. Findest Du, dass sie jetzt, wo sie in die Gesamtgeschichte eingebettet sind, anders wirken als vorher und hast Du diesbezüglich schon Reaktionen erhalten? ASP: Reaktionen habe ich wenig dazu bekommen. Aber ich finde, dass die Songs sogar sehr stark anders wirken. Es stört mich schon, dass "Zaubererbruder" eine Doppel-CD ist, das ist wie früher, das leidige Platte-Umdrehen, wenn's da eigentlich nicht hingehört. Es ist keine Platte, die auf eine Single aus ist oder bei der man in irgendeiner Form darauf geachtet hat, welche Songs wo stehen. Es haben z. B. ein paar Leute gesagt, sie finden die erste CD viel besser, weil auf der zweiten zu viele ruhige Stücke sind. Das ist für mich ein bisschen schmerzlich, denn eigentlich gibt es keine CD "Eins" oder "Zwei" sondern es gibt diese Geschichte, und die gehört so. Sie ist vom Gesamtkonzept auch so, dass natürlich am Ende alles sehr tragisch abläuft und deshalb viele Balladen da hin passen. Ich habe jetzt, wo die Songs alle zusammen sind, das Gefühl, dass man sie auch gar nicht so auseinanderziehen sollte. Es fiel mir auch ein bisschen schwer, für die Tour bestimmte Songs zu Hause zu lassen. "Verwandlungen" zum Beispiel hätten wir nicht umsetzen können. Ich glaube, es ist eine tolle Platte, um sie durchzuhören und ich hoffe, dass die Leute das, was ich empfinde, auch empfinden: Dass es eine sehr nachhaltige Platte ist und dass "Zaubererbruder" eine CD ist, die man sehr lange hören und mögen kann. Ich finde sie emotional so übergreifend, dass ich das Gefühl habe, sie ist altersunabhängig und szeneunabhängig, einfach Musik, wie sie sein soll. Auch das soll jetzt nicht zu eitel klingen, aber ich habe das Gefühl, dass wir Leute erreicht haben, die wir vorher nicht erreicht haben. Für mich war es sehr überraschend, was für Leute sich mit ASP beschäftigen und was für Reaktionen wir da bekommen, ganz toll! NG: "Ich Will Brennen!", "Schwarzes Blut", "Sage Nein!", "Ich Bin Ein Wahrer Satan", alles Stücke, die teilweise vor unverhohlener Sozialkritik nur so strotzen. "Zaubererbruder" ist thematisch in sich geschlossen, wie sozialkritisch ist denn nun dieses Album? ASP: (überlegt lange) Immer noch genug, würde ich sagen. Ich habe versucht, die Erzählung nicht zu stark zu überfrachten mit der Sozialkritik, aber das Thema des Auflehnens gegen ein totalitäres System ist einfach da. Ganz wichtig ist das Thema, wie man Menschen knechten, sie versklaven kann, in dem man ihnen Wissen vorenthält oder Bildung. Das macht ja der böse Müller, indem er den Müllerburschen immer nur kleine Einblicke gewährt in dieses Zauberbuch. Und das finde ich, ist etwas so aktuelles. Wir haben genau solche Probleme. Vielleicht bin ich da auch etwas paranoid veranlagt, aber wenn man sich gerade die aktuelle Diskussion um die Studiengebühren anschaut, frage ich mich einfach "Wie kann so etwas in einem Land wie unserem passieren? Dass es plötzlich doch wieder so ist, dass eigentlich nur Leute, die Geld haben, wirklich freien Zugang zu Bildung haben?" Und das halte ich für einen enorm gefährlichen Weg. Denn es ist ja nicht so, dass finanzielle Mittel Talent oder Wissensdurst ausdrücken, sondern es ist eine Sache, die sich aus sich selbst heraus entwickeln kann. Das ist ein wirklich großes Thema. Das Buch "Meister Krabat Der Gute Sorbische Zauberer" ist für mich in dem Zusammenhang auch sehr schwierig gewesen, weil es mir gezeigt hat, wie ideologisch Krabat verfärbt war in der DDR. Es ist ganz schwierig herauszufiltern, was man benutzen darf, und was vielleicht auch ein bisschen von diesem "Arbeiter- und Bauernstaat" eingefärbt ist. Da ist Krabat auf einmal so ein schon fast volkstümlicher Landwirtschaftserneuerer oder so etwas. Da muss man aufpassen. Ein bisschen ist es aber schon drin, in "Der Geheimnisvolle Fremde" zum Beispiel. Da kommt Krabat und gibt der Dorfgemeinschaft das Land zurück, welches der Müller ihnen irgendwann genommen hat. Aber wie gesagt: Man muss ein bisschen vorsichtig sein; die Balance kann leicht kippen, wenn man zu stark nur den politischen Aspekt sieht. Ich wollte vor allem eine spannende und leidenschaftliche Geschichte erzählen. Ob mir das jetzt gelungen ist, weiß ich nicht. Ich habe es so gehalten, dass die Klischees nicht zu stark benutzt werden. NG: Eine ganz kurze Frage zwischendurch: Den Kinofilm "Krabat", wirst Du ihn Dir ansehen? ASP: Puuuh, mit dieser Frage schleppe ich mich jetzt schon ein paar Tage herum, je mehr ich von diesem Film höre. Ich musste mir zwischendurch auch schon ein paar Trailer ansehen und wurde immer unsicherer, ob ich mir das antun möchte. Ich finde, Bücher zu verfilmen, die man vor allem als Jugendlicher sehr, sehr geliebt hat, ist mächtig schwierig. Ich weiß, dass es auch ein Kindheitstraum des Regisseurs war, "Krabat" verfilmen zu dürfen. Hut ab, ich finde es prima, dass er das macht. Aber ich bin mir wirklich nicht sicher. Als ich die ersten Fotos vom Set gesehen habe, dachte ich, dass das schon in die richtige Richtung geht. Alles schön düster. Und dann kam die Besetzung durch und da war für mich schon wieder so viel vorbei und gegessen, und ich wollte diese Gesichter nicht sehen zu dem, was ich mir vorgestellt hatte. Je mehr man ein Buch liebt, desto mehr hadert man mit sich, ob man in den Film geht, glaube ich. Und so geht es mir im Moment. Und dazu kommt, dass die Aufmerksamkeit derzeit immens groß ist und die Promotion läuft ja wirklich auf Hochtouren. Man kommt ja überhaupt nicht mehr dran vorbei. Und das wird mir alles schon zu viel. Ich finde, das ist schon ein bisschen "Holzhammer" mit dem die Leute ins Kino getrieben werden. Man kann nirgends hingehen, überall "Krabat". Das hätte ich nicht erwartet für einen deutschen Film. NG: Ihr legt ja eine ordentliche Schlagzahl hin: Erst "Horror Vacui", dann "Zaubererbruder", die "AKOASMA" kommt, drei DJ-Promos die zwei Tourneen - Ihr dürftet nicht unter allzu viel Freizeit zu leiden haben. ASP: (schmunzelt) Genau! Treffender kann man's nicht beschreiben. Und ich werde auch tatsächlich nach dieser Tournee erstmal in Urlaub fahren. NG: Der Zyklus um den "Schwarzen Schmetterling" ist beendet, "Zaubererbruder" steht als Zwischenalbum für sich, nun folgt die Live-CD. Was kommt danach? Wo stehen ASP in einem Jahr? ASP: Tja, das wüsstet Ihr gern! Und das wüsste ich auch gern. Zum einen haben wir nächstes Jahr zehnjähriges Bandjubiläum, was nicht nur ein Grund zur Freude ist, sondern auch das, was wir mit der "Horror Vacui" eingeleitet haben, nämlich Zeit, zurück zu schauen und zu gucken: Was hat man richtig gemacht, was ist vielleicht schief gelaufen? Wir sind immer sehr darauf bedacht, wenn das Business versucht uns zu sehr einzukesseln, dass wir versuchen, uns wieder frei zu boxen und zu schauen, dass wir unserem Weg treu bleiben. So ein Moment ist jetzt wieder. Man muss alles enttarnen, was sich so über die Jahre eingeschlichen hat, auch an einem selbst. Dass man nicht müde, nicht faul wird, sondern immer am Ball bleibt. Ich glaube einfach, dass das viel bei uns ausgemacht hat, dass es uns ausgezeichnet hat; und das muss auch so bleiben. In diesem ganzen Tumult, der die letzten Monate um uns herum stattgefunden hat, irgendwie gerade zu bleiben und zu sagen "Moment mal, will ich das alles, was da passiert und was die Leute uns so vorschlagen!?". Es wird uns unheimlich viel angetragen: "Das wäre toll" und "Jetzt wart Ihr in den Charts." und so weiter. Die Charts interessieren uns, auf gut deutsch, einen Scheiß! Davon können wir uns weder etwas kaufen, noch sind irgendwelche Leute zu uns gekommen und haben gesagt "Wow! Jetzt geht's aber los mit Euch! Hier, folgendes Angebot." Es ist NICHTS passiert, außer dass alle sagen, "Wow, Ihr wart in den Charts!". Und wir denken, "Okay, und wozu war das gut?!" Das ist für uns einfach keine Währung, das ist nichts wert. Wichtig ist, dass wir ein nachhaltiges Album gemacht haben, das die Leute gut finden können, so wie wir es eben immer versucht haben. Das versuchen wir auch weiterhin. NG: ASP, wir danken Dir für dieses ausführliche Gespräch und wünschen Dir und der Band ein tolles Konzert und viel Spaß heute Abend. |
