| ZENTRIERT INS ANTLITZ: "Ich bin lieber der dezente Mann im Hintergrund" |
| Webzine - Interviews |
| Geschrieben von: Michael Hoch |
| Dienstag, 09. Dezember 2008 um 01:00 Uhr |
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Dass man mit ZENRIERT INS ANTLITZ eine Eigenart ‚par excellence’ vor sich hat, ist einem spätestens seit der 2005’er „Mutilate“ bewusst. Mittels eigens erstellter Software, („De-Mutilator“), die sich schnell und unkompliziert von der Bandseite herunterladen lässt, kann man aus der Original-CD „Mutilate“ noch zehn Remix- und Exklusivtracks heraus extrahieren. In den Genuss kommt nur, wer eine Original-CD vorweisen kann. Nach Aussage der Band sei man aber sogar physikalisch in der Lage, drei CDs in eine zu packen. Gesagt, getan. Das neue Album „...No“ steht in den Regalen – eine reguläre CD und zwei versteckte.
Danach folgte „Diametral“, ein Album, das kostenlos zum Download angeboten wurde und in eine andere Richtung ging. Atmosphäre stand im Vordergrund und keine harten und schweren Beats. Für den einen zu leicht verdaulich, für den anderen zu schwer nachzuvollziehen. Umstrittene Qualität? Ganz eigenes Denken und Handeln zeichnen Marc Friedrich, Dipl.Ing. Jürgen Warkentin und Holger Meuler also aus. Sie machen Musik von zu Hause, für den heimischen Kopfhörer. Michael Hoch sprach mit Marc Friedrich in seinem Studio in Remscheid über musikalische Vorstellungen, den Vorteilen des Internets, altem Druck und das neue Album. NG: Was war die Initialzündung, die dazu geführt hat, Musik zu machen? Marc Friedrich: Der Besuch im Studio eines bekannten Musikers aus den 80ern. Ich habe mir dann Synth und Computerhardware besorgt. Das war zu der Zeit, als man Festplatten noch mit der Sackkarre transportieren musste. Und als dann das erste Hardwareproblem auftrat, bin ich über einen Freund auf Jürgen gestoßen, der das Problem prompt lösen konnte. Von diesem Punkt an haben wir angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Der gemeinsame Freund Holger Meuler, das zur Zeit dritte Mitglied der Formation, fügte sich dann etwas später nahtlos ins Duo ein. NG: Mit „Geschäftsfrau“, dem letzten Track Eures Albums „Mutilate“, wurde eine größere Öffentlichkeit auf Euch aufmerksam. Marc Friedrich: Dabei war das Ding überhaupt nicht beabsichtigt. Der Song war eigentlich nur als Joke gedacht. Geschäftsfrau sollte ursprünglich gar nicht auf der CD landen. Aber wir dachten uns: Lass uns mal so’n richtigen Assi-Track machen. NG: Und das Sample? Marc Friedrich: TOKYO DECADANCE. Einige Freunde meinten zwar damals, das wir das echt nicht bringen können, aber in den Clubs sind wir damit anscheinend eingeschlagen wie ´ne Bombe. Wir haben es einfach mal ausprobiert. Es haben dann so viel Leute interessiert nachgefragt, dass wir das Ding dann doch auf die CD gepackt haben. Auf dem amerikanischen Markt wurde das CD-Cover dann noch ein wenig zensiert (beklebt). Wir benutzten zwar deutsche Samples, aber die Amerikaner sind ja nicht doof. Wir haben auch japanische Samples verwendet. Wenn die das hätten übersetzen lassen, wäre das ganze Ding wahrscheinlich auf dem Index gelandet. Anzumerken ist, dass wir bei der Auswahl der Samples nicht willkürlich agieren, sondern diese gezielt einsetzen. NG: Müssen Samples eigentlich immer angefragt werden? Marc Friedrich: Ich sag’s mal so: Wenn man sich für alle Samples, die man verwendet, immer eine Freigabe besorgen müsste, hätten so manche Bands nichts anderes zu tun. NG: Wie geht Ihr bei Eurer Musik vor? Was ist Euch wichtig? Typische Klischees der Szene dürften für Euch vermutlich kein Thema sein, oder? Marc Friedrich: Einige Bands bauen sich ihr Image auf dem Superbösewicht-Image auf, krakeelen irgendeinen Evil-Mist ins Mikro rein, weil sie nicht singen können oder wollen. Das hört sich dann leider immer gleich an und es ist wirklich schwer herauszubekommen, welche Band da gerade im Club gespielt wird oder ob der DJ nur den letzten Longplayer einfach durchlaufen lässt. Es gibt Bands, bei denen ich mich frage, ob die das wirklich ernst meinen. Und bei einigen behaupte ich mal, dass sie es augenzwinkernd machen, nach dem Motto: Ihr wollt das Futter, also geben wir es euch. Nehmen wir als Beispiel unsere „Geschäftsfrau“. Das Stück war im Produktionsverlauf sehr amüsant. Wir haben da viel mehr gelacht als produziert. Ein weiteres Beispiel solch einer Produktion war das Stück „Gollum“ aus dem Album „Prozium“. Das war auch mehr ein Joke als ernst gemeinte Produktion. „Mutilate“ war von vorn herein mehr als seine Vorgänger als Konzeptalbum geplant. Im Produktionsverlauf kamen wir auf die Idee, eine zweite CD anstelle eines versteckten Songs auf die CD zu packen. Ein ganzes Album mit zusätzlichen Remixen und einigen neuen Tracks, welche dann mit einem Programm, unserem De-Mutilator, als Bonus aus der eigentlichen CD ausgepackt werden können. Ursprünglich sollten die Tracks auf Samplern erscheinen. Dazu ist es aber nie gekommen. Sie sind unter Druck produziert worden, weil uns die Plattenfirma hier im Nacken saß und schnell Ergebnisse forderte, diese aber niemals veröffentlichte. NG: Und wie funktionierte das mit dem „De-Mutilator?“ Marc Friedrich: Über die Funktionsweise möchten wir uns gerne ausschweigen... Die technische Entwicklung hat schon einige Zeit verschlungen. Zuerst stellte sich uns die Frage: Ist so etwas überhaupt möglich? Nach einigen Monaten Planung und Programmierarbeit stand dann Jürgen mit der ersten Beta Version vor meiner Türe. Eine neuere und bessere Version entstand dann dieses Jahr, um das Vorhaben für „…No“ mit 2 versteckten CDs überhaupt realisieren zu können. NG: Wie kann man sich Eure Produktionsabläufe vorstellen? Wie entsteht bei ZENTRIERT INS ANTLITZ ein Album? Marc Friedrich: Zunächst probieren wir ein bisschen rum, ein bisschen hier, ein bisschen da. Jeder wirft einige Ideen rein, und ich setze dann erst mal alles provisorisch zusammen. Ich bin mehr für die Atmo, für die bombastischen Sachen zuständig, Orchester, Soundtrack und alles, was schön monumental klingt, Jürgen eher für den Lärmbereich und alles was Krach macht. Holger dient dann als Bremse und fügt dem Ganzen dann wieder einen softeren Touch hinzu, indem er Dinge reaktiviert, die ich zuvor vielleicht verworfen habe. Da muss auch mal der eine den anderen ausbremsen und sagen: Es reicht jetzt, du hast die sechs Minuten schon lange überschritten. „...No“ ist etwas anders entstanden, da keine Clubtauglichkeit vom Label gefordert wurde, so dass einige Songs des Albums auch mal ein wenig länger sind. Wir hatten viele neue Ideen, vor allem da jetzt unsere Nebenprojekte mit in ZIA einfließen, dass letztendlich aus einer geplanten EP, mit Unterstützung vieler guter Künstler, 3 CDs daraus geworden sind. Nach solch einer Nummer brauche ich dann erst einmal ein halbes bis dreiviertel Jahr Erholungsphase, bevor ich nach einer fertigen CD mit einer neuen Produktion anfangen kann. Ich mag es überhaupt nicht, wenn man sich auf einem Konzept ausruht, das immer funktioniert hat. Ich finde es langweilig Dinge zu wiederholen. Solche Produktionen gibt es zu viele. Viele Künstler waren zu Anfang richtig gut, sind dann aber im Sumpf der Monotonie und ihrer eigenen Kopien versunken. Natürlich ist es nicht einfach immer etwas Neues zu machen, aber sich selbst immer wieder zu kopieren, zeugt nicht gerade von Kreativität. Die Hauptursache liegt aber selten beim Künstler, sondern zunehmend bei dem, der den Kram verkaufen will und muss! NG: Da hat man mit Internetdownloads ja schon bessere Möglichkeiten... Marc Friedrich: Genau. Sich ein Preview aus dem Internet herunterzuladen, um mal reinzuhören, finde ich da jetzt wesentlich angenehmer. Ich bin immer gerne bereit, für neue unbekannte aber sehr gute Sachen, Geld auszugeben. Vorausgesetzt, ich kann es dann hinterher irgendwo kaufen, was aber in den üblichen großen Läden nicht unbedingt mehr möglich ist. Und wenn ich mir dann auch noch die Preispolitik anschaue - und ich weiß, was eine CD in der Produktion kostet – dann ist das erschreckend. Wenn ich zum Beispiel für eine normale Audio-CD 17 - 18 Euro auf den Tisch legen muss, obwohl die Händler diese weit unter 10 Euro einkaufen, dann kann doch da was nicht stimmen. Die Künstler und Plattenfirmen müssen sich dann anhören, dass das viel zu teuer ist. Das ist aber nicht unsere Schuld. Die Läden schlagen drauf, nicht wir. Künstler und Plattenfirmen haben letztendlich nicht das Geringste davon. Jede dieser Elektroketten könnte ohne weiteres die einfachen CDs für 10/ 12 Euro verkaufen. Ich meine damit nicht die Special-Editions mit umfangreichen Booklet oder Doppel-CDs. Die kosten definitiv mehr Geld in der Produktion und der Kunde bekommt auch mehr Gegenwert. NG: Hattet Ihr deswegen entschieden „Diametral“ nur zum kostenlosen Download anzubieten? Marc Friedrich: Ja. Wir haben das lange überlegt und auch mit anderen darüber gesprochen. Letztendlich war es gut so, man konnte erst einmal Abstand gewinnen. Es hatte auch den Vorteil, dass wir aufgrund der Downloads beobachten konnten, was die Leute wirklich hören wollen, weil wir die Songs auch einzeln angeboten haben. Wir reden hier nicht von einigen Downloads, sondern von tausenden. Unser Song „Der Zorn des Lammes“ lag zum Beispiel zirka 500 Prozent über allen anderen Downloads. Der Hörer besorgt sich für die heimischen vier Wände nicht den BumBumBum-Lärm aus der Disco. Wer möchte zu Hause nach der Arbeit auf dem Sofa schon 110dB Bassdrums hören, da ist eher Relaxen gefragt. Die Downloadstatistik untermauert dies um so mehr. NG: Gab es auch andere Rückmeldungen und wie geht Ihr damit um? Marc Friedrich: Es gibt viele, die uns Emails schreiben und sagen, dass sie etwas gut finden oder auch welche, die uns eine schlechte Kritik schreiben. Ich mag schlechte Kritiken. Ich mag es, wenn jemand für ein Online-Magazin schreibt und dabei wirklich ehrlich ist und sagt, dass er einiges gut findet und auch sagt, welche Songs er nicht gut findet. Da kann ich mit leben. Lieber so als gar keine Kritik. Es wäre auch fürchterlich, wenn jeder Mensch den gleichen Musikgeschmack hätte. Wir veröffentlichen diese negativen Kritiken auch auf unserer Homepage. So kann jeder für sich entscheiden, ob er sich unsere CD kauft. NG: Wie hältst Du es persönlich musikalisch? Marc Friedrich: Ich bin da nicht fixiert. Ich sehe mich nicht als Elektro, Industrial, Klassik, Rock, Pop und Co-Liebhaber. Mir gefällt es oder nicht. Vieles, was im Elektronik-Bereich in den letzten drei Jahren erschienen ist, finde ich echt langweilig. Umso überraschter bin ich von vielen Künstlern, die Ihre Musik zum freien Download anbieten. Es gibt im Netz jede Menge gute Bands, die noch keinen Vertrag haben und frei veröffentlichen. Da kann sich so manche Plattenfirma mal am Kopf kratzen. Qualitativ wie technisch haben diese Künstler mitunter vielen etablierten Mainstream-Bands einiges voraus. NG: Die neue Produktion „...No“ Marc Friedrich: Da haben wir wieder ganz von vorne angefangen. Das ist dem Fan gegenüber nur fair, der natürlich etwas Neues erwartet. Wir wollten uns ja nicht kopieren. Hoffe doch, es hat funktioniert. NG: Ihr werdet das neue Album aber nicht live vorstellen, vermute ich. Marc Friedrich: Ich bin kein großes Präsentator. Ich bin lieber der dezente Mann im Hintergrund. Wir haben schon mal live gespielt. Das ist aber schon über eine Dekade her und ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wo das war. Das war weder scheiße noch gut. Wir waren noch neu in der Szene. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass man unter einer Profilneurose leiden muss, um sich live zu präsentieren... nicht unser Ding. NG: Liveauftritte können aber finanziell sehr lukrativ sein. Marc Friedrich: Ich muss nicht auf der Straße erkannt werden. Und wir sind auch keine Freunde der großen Auftritte, sei es mit umfangreichen Storys in Print-Magazinen, die natürlich dann auch neues Fotomaterial haben wollen, noch mit Live-Auftritten zum Anhimmeln. Ich sag mal so: Es wäre schön, von ZENTRIERT INS ANTLITZ beziehungsweise der Musik leben zu können. Aber es wäre nicht schön, mit dem negativen Resultat zu leben, immer überall erkannt zu werden und abhängig von einer Branche zu sein, deren Einstellung wir nicht immer teilen. Ich bevorzuge es, Musik zu produzieren und keiner weiß genau, wer ich bin. Unabhängigkeit ist unbezahlbar, aber ist man das als Musiker mehr als ein normaler Angestellter eines Unternehmens? MEHR ZUM THEMA AUF NORTHERN-GOTHICS.DE WEBZINE uncategorizdS ZENTRIERT INS ANTLITZ: Ich bin lieber der dezente Mann im Hintergrund |

