[:SITD:]: "Wir wollten ein Album machen, das härter und direkter klingt"
Webzine - Interviews
Geschrieben von: Michael Hoch   
Samstag, 24. Oktober 2009 um 18:19 Uhr

sitdDie Zeit war reif, ein neues Album musste her: "Härter und direkter", auch textlich. Mit "Rot" schöpfen [:SITD:] aus den Vollen und haben "überschüssigen Ballast über Bord geworfen". Das Ergebnis ist ein tanzbares, tiefgehendes Gesamtkunstwerk geworden. Das neue Album überrascht. [:SITD:] gehen tiefer und ziehen die Beatschraube an. Erste vollständige Hörproben gab es im Bochumer Matrix am vergangenen Freitag zur Release-Party. Offiziell starten sie in Amsterdam ihre Tour, auf der man einiges erwarten kann. Lapidare Inszenierung ist [:SITD:]s Sache nicht. Das macht sich auch auf "Rot" bemerkbar, das auch in einer limitierten üppigen Version erscheint. Für NG standen Carsten und Tom Rede und Antwort. Was [:SITD:] wichtig ist, wie das Album entstand und welche Themen Carsten textlich beeinflussten, verrieten sie NG rechtzeitig zum Tourstart und zur Veröffentlichung des neuen Albums "Rot" (das am 30. Oktober erscheint).

NG: Angezogene Beats, durchgängiges clubkompatibles Hitpotenzial: Eine bewusste
Entscheidung oder hat sich dies aus der Entstehungsphase herauskristallisiert?

TOM: Vor dem Beginn der Studioarbeiten haben wir uns selbst bestimmte Vorgaben gesetzt, die wir während des Entstehungsprozesses von “Rot“ nie aus den Augen verloren haben. Wir wollten ein Album machen, das im Vergleich zum Vorgängerwerk “Bestie: Mensch“ härter und direkter klingt. Wir haben uns beim neuen Album auf das Wesentliche konzentriert, überschüssigen Ballast haben wir über Bord geschmissen und im “BPM“-Bereich haben wir die Schraube ordentlich angezogen. Das kommt natürlich auch der Clubkompatibilität zugute.

NG: Carsten, wo hast Du Deine textlichen Schwerpunkte bei „Rot“ gesetzt? Was hat Dich die letzten Jahre beeinflusst?

CARSTEN: Da gibt es eine ganze Menge an Themen und Schwerpunkten, die uns in den letzten Monaten beschäftigt und dann letztlich auch ihren Weg auf das neue Album gefunden haben. Ein Schwerpunkt sind zum Beispiel die stetig zunehmenden Eingriffe des Staats – oftmals unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung - in die Privatsphäre seiner Bürger. Diese Thematik haben wir in “Frontal“ aufgegriffen. Wir werden durch Maßnahmen wie zum Beispiel der Vorratsdatenspeicherung von Internet- und Telefondaten immer mehr zu gläsernen Bürgern, die unter einem Generalverdacht stehen. Der Song ist als Weckruf zu verstehen, dass wir nicht alles unreflektiert hinnehmen und diese Entwicklung kritisch beobachten und hinterfragen sollten.

Mit “MK Ultra“ haben wir ein weiteres dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte zum Thema eines Songs gemacht. Es geht darin, um die Experimente, welche die CIA von 1953 bis 1970 an unwissende Menschen mit Drogen aller Art durchgeführt hat, um das “perfekte“ Wahrheitsserum zu finden, sowie die Möglichkeiten der Gedankenkontrolle zu erforschen. Aber es gibt aber auch viele persönliche Themen, die sich auf dem Album wiederfinden. Immer wieder sterben Menschen aus unserem Umfeld an den Folgen von Drogen- oder Medikamentenmissbrauch. Es war also an der Zeit einen Song über ein Thema zu schreiben, das uns immer wieder aufwühlt und bewegt. So ist dann schließlich “Pharmakon“ entstanden. In diesem Kontext ist vielleicht auch noch das Titelstück “Rot“ bedeutsam. Der Song ist an all jene gerichtet, die vor einem Abgrund stehen und nicht wissen, wie es weitergehen soll. “Rot“ ist ein positives Signal – eine rettende Hand, die uns von diesem Abgrund fernhalten soll.  

NG: Wie findet Ihr für Euch den alles entscheidenden Punkt, den Deckel zuzumachen und nicht doch noch etwas aus einem Track herauszuholen? Irgendwann kommt der Zeitpunkt des Loslassens, nur wann?

TOM: Eine interessante Frage. Es ist natürlich tatsächlich so, dass oftmals der eigentliche Song schon lange steht und man am Ende nur noch an Nuancen, an Kleinigkeiten feilt. Das sind dann Dinge, die sich im Klangbild bei der Endabmischung kaum hörbar im Hintergrund abspielen. Man beschäftigt sich oft Stunden mit Feinheiten, die für das Gesamtbild, das der Song hinterlassen soll, eigentlich unerheblich sind. Dann sagt einem aber irgendwann mal die innere Stimme: “So, jetzt ist auch mal gut und es ist prima wie es jetzt ist.“ Es ist also ein inneres Gefühl, dass darüber entscheidet, ob man loslässt oder nicht.  

NG: Tourauftakt in Amstelveen: Wie kam es dazu?

TOM: Die Tour hat wie immer unsere Booking-Agentur Neuwerk geplant. Obwohl wir immer sehr gerne in den Niederlanden spielen, hätte die Tour auch an einem anderen Ort starten können. Das ist planerisch, logistisch bedingt und hat keinen besonderen Hintergrund.

NG: Was erwartet uns auf der kommenden Tour?

TOM: Wir möchten nicht zuviel verraten, aber wir sind gerade dabei unsere Bühnen-Deko neu zu konzipieren und unseren älteren Stücken einen frischen neuen Live-Anstrich zu verpassen. Neben den neuen Songs von “Rot“ wird es also spezielle Versionen vieler “Klassiker“ geben. Darüber hinaus sind wir natürlich froh, dass wir sowohl REAPER als auch AMNISTIA für diese Tour gewinnen konnten. Wir freuen uns darauf, dass wir dieses qualitativ hochwertige Package unserem Publikum bei der am 30. Oktober startenden “Rot“-Tour präsentieren können. Alles Wissenswerte zur Tour und sämtliche Termine erfahrt Ihr übrigens auf unseren neugestalteten Webseiten www.sitd.de und www.myspace.com/xsitdx, sowie auf unserer Fanpage www.sitd-fan-machinery.com.  

NG: Ihr seid weit gereist in den vergangenen 13 Jahren. Wo geht noch was? Welche Länder könnten noch auf der Favoritenliste stehen?

CARSTEN: Das stimmt. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir durch die Musik schon viele Länder bereisen und kennen lernen durften. Wir denken immer noch gerne an die Nordamerika-Tour im vergangenen Jahr zurück. In den zwei Monaten konnten wir, neben zum Teil wirklich tollen Konzerterfahrungen, auch privat einiges von den USA und Kanada  mitnehmen. So etwas würden wir sicherlich gerne wiederholen. Außerdem haben wir noch nie in Australien gespielt. Tom war zwar schon als Live-Keyboarder mit VNV NATION dort, aber das wäre auch eine schöne Sache, wenn sich das mit [:SITD:] realisieren ließe. Bei meiner notorischen Flugangst stünde ich dann allerdings vor einer echten Herausforderung.

NG: Ich beobachte zunehmend, dass die Schnittstellen in der elektronischen Musik immer mehr verwässern und es dadurch  Neugierige und untypische Musikfans in die Szene drängt, die vorher noch rein gar nichts damit anfangen konnten, von den überzeugten strengen Szenegängern aber nicht immer unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. THE PRODIGY, die ja auch zu Euren Favoriten gehören, als Headliner auf einem Festival wie dem M’era Luna wäre doch noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Seht Ihr die Entwicklung eher positiv?

CARSTEN: Klar, wir waren angenehm überrascht, wie positiv The Prodigy dort aufgenommen wurden. Das spricht für die Offenheit und Toleranz der Szene. Wenn es Berührungspunkte und Überschneidungen zwischen Musikstilen gibt, dann sorgt das für Vielfalt und ist fast immer eine Bereicherung.

NG: Die Veröffentlichung auf Vinyl setzt sich wieder massiv durch – was auch mit der Tatsache zusammenhängen mag, dass man hier relativ sicher sein kann, dass man bei diesem Format von illegalen Kopien verschont bleiben dürfte und als Beweis dafür, dass der Käufer das entsprechende Album und seine Musik noch als Kunstform richtig zu schätzen weiß. Für WUMPSCUT zum Beispiel ein ausschlaggebendes Argument, seine Sachen auch auf schwarze Scheiben zu pressen. War das für Euch jemals Thema, gerade auch in Bezug auf die clubtaugliche „Rot“ oder ist es eher eine Kostenfrage, es nicht zu tun?

CARSTEN: Vinyl, CD’s, DVD’s, Downloads... das ist alles eine Glaubensfrage. Jeder hat da seine persönlichen Präferenzen. Es ist grundsätzlich natürlich ein guter Ansatz, wenn man diesbezüglich flexibel ist und für alle Geschmäcker das passende Medium bzw. Format anbietet. Das mit dem Kunstaspekt ist natürlich ein zutreffendes Argument. Wenn die Möglichkeit bestünde einen [:SITD:] Tonträger als Vinyl herauszubringen, dann wären wir dem sicherlich nicht abgeneigt. Bislang ist so eine Idee noch nicht an uns herangetragen worden.

NG: Womit wir auch beim Thema dieser ewigen Diskussion sind, um die Beliebigkeit der Musik und ihren mitunter respektlosen Umgang durch seine Nutzer, die Musik eher als Wegwerfprodukt sehen. Wie geht Ihr damit um?

TOM:
Um den von Dir angesprochenen Kunstbegriff noch mal aufzugreifen: Wir sehen einen Tonträger als ein Gesamtkunstwerk, an dem viele verschiedene kreative Köpfe mit ihren individuellen Begabungen und Fähigkeiten beteiligt sind. Neben der Musik gehört für uns ein umfangreiches Booklet mit Fotos, Artworks und Graphiken dazu und natürlich auch die abgedruckten Texte. Wir können nur versuchen Qualität in sämtlichen Bereichen zu liefern und müssen darauf hoffen, dass es noch genügend Menschen gibt, die das mit ihrer Unterstützung durch Plattenkäufe zu würdigen wissen.

NG: Der Tourplan 2009 steht. Und was kann man von [:SITD:] 2010 erwarten. Ein paar Festivals im Auge?

TOM: Jetzt stehen erst mal die Tourvorbereitungen im Vordergrund. Nach der Tour werden wir uns mit Accession und Neuwerk zusammen setzen und gemeinsam die Ideen fürs kommende Jahr austauschen. Das Thema Festivals werden wir dann natürlich auch besprechen.

 
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