KRYPTERIA: "Wir wissen einfach, was wir aneinander haben."
Webzine - Interviews
Geschrieben von: Jochen Gehler   
Donnerstag, 05. November 2009 um 21:07 Uhr

krypteriaDie Kölner Band KRYPTERIA schickt sich gerade an, mit ihrem aktuellen Album "My Fatal Kiss" die steile Spitze des Mount Gothic Metal zu erklimmen. Die Rezensenten überschlagen sich fast vor Begeisterung und und das sympathische Quartett sollte eigentlich auf eine ausgedehnte Headlinertour quer durch die Republik gehen. Tja, dann kamen leider gesundheitliche Probleme dazwischen und die Tour musste abgeblasen werden. Glücklicherweise bot das Metal-Urgestein Doro Pesch ihre Hilfe an und so kommen Fans und KRYPTERIA doch noch in touch... im Rahmen der Tour von Doro. Für alle Beteiligten eine glückliche Fügung. Dieses Interview entstand vor diesen dramatischen Ereignissen.

NG: Hallo KRYPTERIA, euer neues Album „My Fatal Kiss“ ist nun seit einigen Tagen erhältlich. Seid Ihr mit den ersten Reaktionen zufrieden?

KUSCH: Wir sind sehr glücklich, denn unsere Fans scheinen das Album wirklich zu lieben. Was uns aber außerdem besonders freut, ist die Tatsache, dass auch viele Journalisten sich die Zeit nehmen, das Album mehrfach zu hören, und uns bescheinigen, dass es auch beim fünften und beim zehnten Durchlauf immer wieder Neues zu entdecken gibt. So etwas hören wir natürlich gerne, besonders da wir soviel Zeit und Herzblut in „My Fatal Kiss“ gesteckt haben. Dann tut es echt gut, wenn Du merkst, dass die Liebe zum Detail nicht für die Tonne war (lacht).  Außerdem haben die neuen Songs mittlerweile auch den Livetest bestanden, was ja auch immer eine sehr spannende und im Vorfeld mitunter anspannende Angelegenheit ist (lacht).

NG: Zwischen dem Vorgänger „Bloodangel´s Cry“ und dem aktuellen Album liegen beinahe drei Jahre. Was habt ihr in dieser Zeit getrieben?

KUSCH: Nun, zunächst einmal haben wir besonders im Jahr nach dem Release von “Bloodangel’s Cry” an den verschiedensten Orten auf der Welt Konzerte gegeben, von Asien über Europa bis Lateinamerika. Dann schwammen wir auf einer riesigen kreativen Welle, weshalb wir einfach immer mehr Ideen für den Nachfolger sammelten. Diese Ideen in Form zu gießen hat dann in der Tat noch einmal recht viel Zeit in Anspruch genommen. Dies gepaart mit dem Labelwechsel, der ja naturgemäß nicht mal eben in ein paar Wochen über die Bühne zu bringen war, führte dazu, dass zwischen den beiden Alben über zweieinhalb Jahre lagen. Wir haben aber nicht unbedingt vor, bis zur nächsten Scheibe wieder soviel Zeit vergehen zu lassen…auch wenn die nächste kreative Welle schon wieder im Anrollen ist (lacht).

NG: Das letzte Album erschien noch bei EMI, „My Fatal Kiss“ dann beim neuen Label On Fire. Mittlerweile ist auch Roadrunner Records „irgendwie“ mit im Boot. Recht verwirrend. Könnt Ihr mich über die Hintergründe aufklären?

KUSCH: Nach zwei Alben und einer EP war unser Vertrag bei der EMI erfüllt. Wir blicken auf vier tolle Jahre bei der EMI zurück, waren aber begeistert, als der frühere GUN-Records-Präsident Wolfgang Funk, der uns schon seit Längerem beobachtet hatte, uns an Bord seines neuen Labels OnFire Records holen wollte. Mit eben diesem Label ist er bei Roadrunner angekoppelt, die ja ihrerseits echte Rock- und Metalspezialisten sind. Und diese Kombination erschien uns einfach als perfekt dafür, KRYPTERIA einem noch breiteren Publikum vorzustellen. Man kann bei OnFire und Roadrunner also von einer Labeldoppelspitze sprechen.

NG: „My Fatal Kiss“ ist ein sehr druckvolles und tiefgehendes Album geworden. Insgesamt ist es aus meiner Sicht offensichtlich härter als „Bloodangel´s Cry“ ausgefallen. War das Zufall oder beabsichtigt?

FRANK: Jetzt könnte man ja glatt sagen, wer so lange an einem Album arbeitet, der überlässt nichts dem Zufall…aber darüber haben wir nicht wirklich nachgedacht. Vielleicht lässt sich das durch die vielen Konzerte im In- und Ausland, die wir um „Bloodangel’s Cry“ gespielt haben, erklären. Die schweißen dich als Band zusammen - und da wir auf der Bühne den Energiehahn eher mehr aufdrehen, ist davon vielleicht auch mehr auf „My Fatal Kiss“ gelandet.

NG: Gibt es ein übergreifendes Thema bei „My Fatal Kiss“ bzw. kann man von einem Konzeptalbum sprechen?

JI-IN: Konzeptalbum wäre zuviel gesagt, aber es gab während des Songwritings eine Art roten Faden, der uns begleitete. Du musst wissen, wir diskutieren unheimlich gern miteinander, und oft artet das richtig in Philosophiererei aus. Bei „My Fatal Kiss“ war das wieder mal besonders heftig, und wir kehrten immer wieder darauf zurück, dass der Mensch eine gute und eine dunklere Seite in sich trägt, die sehr oft im Kampf zueinander stehen. Man ist innerlich hin- und hergerissen, und häufig kann man trotz der besten Bemühungen seine inneren Dämonen nicht besiegen. Diesen Umstand wollten wir auch gerne im Artwork des Albums darstellen, daher haben wir alles in doppelter Ausführung. Besonders interessant finde ich, dass letztlich der Schein auch trügen kann. Vielleicht zeigt sich eine Sache oder jemand positiv und es stellt sich heraus, dass das eine Täuschung ist und das Böse dahinter steckt. Mindestens genauso spannend finde ich den umgekehrten Fall.

NG: Vor allem deine Stimme, Ji-In Cho, hat deutlich mehr Facetten und an Volumen zugenommen. Nimmst du Unterricht oder macht das „die Praxis“?

JI-IN: Das Schöne an diesem Album war, dass wir mehr Zeit hatten. Ich konnte mich mehr ausprobieren und ausleben. Das war wirklich super!

NG: Wie ist „My Fatal Kiss“ zu dem großen Kind geworden, das es nun ist? Könnt ihr mir etwas zur Entstehungsgeschichte des Albums erzählen?

KUSCH: Wir gehen eigentlich ohne große selbst auferlegte Vorgaben an die Songs für ein neues Album, sondern schauen erstmal, was uns in den Sinn kommt und durch den Kopf geht. Das Sammeln dieser Ideen nimmt viel Zeit in Anspruch, was aber auch ok ist, schließlich sollte das nächste Album immer das wichtigste für eine Band sein. Diesmal trug der Labelwechsel dazu bei, dass wir sogar noch mehr Zeit zur Verfügung hatten. Die haben wir hoffentlich sinnvoll genutzt und in die Veredelung der Scheibe gesteckt, sowohl was die Songs und die Aufnahmen anging, als auch das Artworkkonzept. Und da KRYPTERIA uns allen so wichtig ist, ist uns auch kein Weg zu weit oder keine Hürde zu groß, um die nächste Stufe in der Entwicklung dieser Band zu erreichen.

NG: Gibt es eine bestimmte Arbeitsteilung in der Band?

KUSCH: Wir alle Vier komponieren, schreiben und arrangieren – das tun wir zunächst meistens in kleineren Gruppen, ehe wir uns zusammen auf eine Idee stürzen und eine KRYPTERIA-Nummer entsteht. Letztendlich verlässt kein Song die vier Wände unseres Proberaums bzw. des Studios ohne das Dazutun eines jeden von uns. Da wir alle unterschiedliche musikalische Vorlieben haben und entsprechend verschiedene Einflüsse und Elemente mit an den Tisch bringen, entsteht erst diese musikalische Melange, die auf unseren Alben zu hören ist. Auch außerhalb des kreativen Arbeitens bringt sich jeder einzelne von uns mit seinen Stärken in die Band ein, insofern ergänzen wir uns wirklich gut. Das ist wahrscheinlich mit ein Grund, weshalb wir nun mittlerweile fünf Jahre in unveränderter Besetzung zusammen sind. Wir wissen einfach, was wir aneinander haben.

NG: KRYPTERIA wird stark in der Gothic-Szene wahrgenommen, aber auch Metaller dürften an Euch interessiert sein. Seht ihr euch in einer bestimmten Szene angesiedelt oder spielt das keine Rolle für Euch?

KUSCH: Wir suchen uns unsere Anhänger ja nicht aus, sondern sind darauf angewiesen, dass diese uns für sich entdecken. Wir haben natürlich dafür zu sorgen, dass man uns auch finden kann! Und je mehr Leuten gefällt, was wir tun, desto besser – dann ist es ehrlich gesagt auch zweitrangig, welcher Szene sie zugehörig sind oder in welche Schublade man uns steckt. Am häufigsten hören wir aber tatsächlich, dass wir dem Gothic-Metal-Genre zugeordnet werden.

NG: Ich habe euren fulminanten Auftritt beim diesjährigen Mera Luna erleben können. Spielt ihr lieber auf Festivals oder lieber Einzelkonzerte?

FRANK: Generell ist uns das Spielen wichtig. Wenn Du eine so ausgedehnte Produktionsphase hinter dir hast, freust du dich auch auf einen Auftritt im Klo (lacht). Die Größe des Konzertes ist nicht so ausschlaggebend, das Feedback der Leute steht im Vordergrund. Schön bei den Einzelkonzerten ist natürlich, dass man einen intensiveren Spannungsbogen aufgrund der längeren Spielzeit aufbauen kann.

NG: Hattet Ihr Gelegenheit, noch die eine andere M'era-Impression aus Besuchersicht mitzunehmen?

KUSCH: Leider viel zu wenige! Direkt nach unserer Show ging es zu einem wahren Interviewmarathon – darüber freuen wir uns natürlich, schließlich können wir dann über das reden, was uns so wichtig ist: Diese Band und unser neues Album (lacht). Glücklicherweise hatten wir noch im Rahmen einer Autogrammstunde die Gelegenheit, unsere Fans zu treffen, was für uns eigentlich bei jedem Gig ein Muss ist. Also waren wir den ganzen Tag nur mit schönen Dingen beschäftigt - ein paar unserer Kollegen hätten wir uns aber schon gerne noch angeschaut. Bei unserem M’era-Luna-Debüt 2007 war der Zeitplan nicht ganz so eng, deshalb hatten wir seinerzeit Gelegenheit, uns einen Eindruck des Festivals in seiner Gesamtheit zu machen. Und deshalb kommen wir auch immer gerne wieder nach Hildesheim!

NG: Drei Jungs und ein Mädel in einem engen Tourbus. Wie schafft ihr es, euch nicht auf die Nerven zu fallen?

JI-IN: Wer sagt, dass wir das schaffen ???! Okay, im Ernst, auch wenn es banal klingt: wir respektieren unsere gegenseitigen Macken und halten unsere Egos auch mal im Zaum, oder, Jungs???! (lacht)

NG: Welche Musik hört ihr privat?

FRANK: Ich bin ja immer noch ein sehr großer Metallica Fan und durch meinen Neffen, der sich ein Notenbuch von Metallica nach dem anderen kauft, fliegen mir die alten Scheiben ständig um die Ohren. Dio und Accept sind auch immer wieder angesagt. Kopfschmerzen bereitet mir nur die Tatsache, wie viel Alkohol bei diesen Scheiben in meinem Körper erhitzt wurde… Aua…

KUSCH: Davon abgesehen haben wir alle einen recht vielschichtigen Musikgeschmack, der vor fast keiner Genregrenze Halt macht. Neben Metallica können wir uns im Tourbus eigentlich immer auf irgendwas grob zwischen Queen und Linkin Park einigen. Aber auch bei Pink, klassischer Musik oder Machine Head  rennt bei uns sicher niemand davon (lacht).

NG: Sehr erfolgreich seid ihr auch in Korea. Wurde „My Fatal Kiss“ dort schon veröffentlicht und falls ja, habt ihr schon Reaktionen erhalten?

JI-IN: Leider wurde „My Fatal Kiss“ dort noch nicht veröffentlicht, weil wir uns erst einmal auf den deutschen bzw. ab Anfang nächsten Jahres auf den europäischen Markt konzentrieren möchten. Aber ich hoffe sehr, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit auch in Asien spielen und dann kannst Du uns ja die Frage nochmal stellen (lacht).

NG: Unterscheiden sich die Fans in Europa und Asien?

JI-IN: Große Unterschiede gibt es nicht wirklich. Begeisterung und Applaus sind überall fantastisch! Bei Autogrammstunden fällt mir zwar auf, dass die Asiaten doch durchschnittlich einiges kleiner sind als die Europäer – was für mich schon mal praktischer sein kann, da ich ja auch kein Riese bin – aber wir freuen uns über jeden Fan, egal aus welchem Teil der Erde er kommt.

NG: Ich danke Euch herzlich für dieses Interview und wünsche euch eine erfolgreiche Tour und alles Gute für die Zukunft. Ihr habt das letzte Wort...

FRANK: Es heißt ja: „Wer immer das letzte Wort hat, spricht irgendwann nur noch mit sich allein.“ (lacht). Wir freuen uns natürlich, Euch im Dezember zu sehen und nach der Show ein paar Biere zusammen zu heben – also ordentlich Ölsardinen einfahren (lacht). Bis Dezember!

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