LADYTRON: Velocifero (Vinyl)
Webzine - Rezensionen
Geschrieben von: Michael Hoch   
Montag, 22. September 2008 um 01:00 Uhr
velocifero_vinyl"Velocifero" von LADYTRON? "Alter Hut!" werden einige sagen, "außerdem habt ihr die CD schon besprochen..." Korrekt, wie man hier nachlesen kann. Aber: Jetzt kommt die Vinyl-Edition und zur Feier des Tages hat sich unser Redakteur Michel Hoch nochmal hingesetzt und eine Hommage verfasst. Nicht nur auf das Album selbst. Was lange währt...: Jetzt ist endlich auch die Vinyledition draußen: Vier Monate nach der CD-VÖ. Dafür wird man aber bestens entschädigt: Beide Scheiben sind in prallem weiß mit dezentem Sprenkelmuster. Edel, edel. Man kennt diese Sprenkeleien ja irgendwie auch noch aus den 80’ern. DEPECHE MODE haben das seinerzeit gerne genutzt. Wer „People Are people“ besitzt, weiß, wovon hier die Rede ist.

Zwar ist „Velocifero“ nicht im Klappcover erschienen, dafür aber mit „fühlbarem“ Frontcoverdruck und aufwändigem Poster. Skeptiker mögen von ihrem Standpunkt sicher nicht abrücken, dass Vinyl ja nur einen Placebo-Effekt hat. Fakt ist aber, dass immer mehr Bands den „warmen Sound“ des Vinyls schätzen und auf dieser Variante veröffentlichen und letztendlich auch die Verkaufszahlen stetig nach oben treiben, die sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt haben, wovon die gebeutelte CD-Industrie nur träumen kann.

Und wer Vinyl kauft, ist Ästhet und denkt vornehmlich sicher nicht daran, das gute Stück irgendwie zu kopieren, was zwar theoretisch möglich ist, aber mit sehr viel Aufwand und vor allem in Echtzeit betrieben werden muss. Nicht wirklich lustig.

Und was passt eigentlich nicht sowieso wie Arsch auf Eimer für eine VÖ aus dem schwarzen Sektor als eine schwarze Vinylscheibe (die dieses Jahr übrigens bereits ihren 60. Geburtstag feiert). Nicht ganz ungewöhnlich das Ganze. Auch das letzte Album WUMPSCUTs ist limitiert als schwarze Scheibe erschienen und wurde dafür in seinem Titel kurzerhand in „Vinylschädling“ umbenannt.

Jetzt also LADYTRON, die sich ebenfalls als Vinylfans erweisen. Die „Witching Hour“-Scheibe war mit Klappcover erschienen und bot auf seiner zweiten Platte – den Seiten C und D – Bonustracks und Remixe, ein Umstand, den man nicht unbedingt auf dieser VÖ-Variante erwarten kann.

Die „Velocifero“ (Doppel-)Vinyl-VÖ nehmen wir nun zum Anlass, noch mal einen Hörblick hineinzuwerfen, schließlich unterliegt sie durch ihre Wechselseiten einer ganz besonderen Dramaturgie. Die Songabfolge ist zwar die gleiche. Nur während man eine CD ja locker durchhört, ist die schwarze Scheibe praktisch die Privatsendervariante. Nach den ersten vier Songs kann man das Umdrehen quasi mal als „Werbepause“ nutzen, um sich werweißwas aus dem Kühlschrank zu holen, ohne die Aufmerksamkeit am Produkt zu verlieren. Und mit jeder neuen Seite beginnt beim ersten Durchgang der Aha-Effekt von Neuem, quasi wie beim ersten Song einer neuen CD. Das soweit für die unverbesserlichen Fetischisten unter uns.

LADYTRON haben mit „Velocifero“ ihr bisher wohl (vorsichtig formuliert) poppigstes Album veröffentlicht, mit eingängigen Melodien und durchdringenden Elektro-Hooklines. Auch wenn bei man immer schnell im Stadium des ersten Hörens zu Begeisterungsaussagen wie "ihr bisher bestes Album" neigt, im Falle von „Velocifero“ stimmt es wirklich, unabhängig jeglicher aufkommender Einstiegseuphorie nach den ersten Klängen. Auch die weiteren Hördurchgänge erweisen sich als immer noch spritzig und überraschend. Und mit dem ersten Track „Black Cat“ machen LADYTRON unmissverständlich klar: wir sind da, präsenter als sonst. „Black Cat“ ist fiktiver Soundtrack und Statement zugleich.

Auffällig wirken die Arrangements. Der kreative Sound zieht sich durchs ganze Album und kann atmosphärisch locker durchhalten. LADYTRON sind mit „Velocifero“ nicht nur für Freunde von Bands wie DEPECHE MODE geeignet, sondern in ihrer Besetzung - zwei Frontfrauen, zwei Musiker - im Einklang mit Elektro-Klangbett allein auf weiter Flur. Die Brücke zu DEPECHE MODE ist dabei keineswegs weit hergeholt, denn auch mit Mixaufträgen haben LADYTRON auf sich aufmerksam gemacht und beispielsweise neben Bands wie PLACEBO, NINE INCH NAILS auch „I need you“ von DAVE GAHAN durch die Electro-Maschinen gezogen.

Schon der vergangene dritte Longplayer „Witching Hour“ zeigte die Richtung auf, die LADYTRON nun auf „Velocifero“ weiter verfolgen und ausbauen. Das Album, das bei „Major records“ erschienen ist (das man unter anderem vom „Elektrisch“-Sampler kennt), hat mehr potenzielle Hits zu bieten und sorgt zudem für ein stimmiges Ganzes. Während bei vergleichbaren Bands (die man aber wirklich nur an einer Hand abzählen kann) zwei/drei gute Songs das Album retten müssen, haben die Briten Helen Marnie, Mira Aroyo (die in den Videos wie kleine Schulmädchen-Lolitas wirken), Daniel Hurt und Reuben Wu zuende gedacht und die vergangenen drei Jahre seit „Witching Hour“ wirkungsvoll genutzt, um nichts Überflüssiges als Platzhalter aufs Album zu packen. Lohnenswert sind übrigens auch die Mixe, beispielsweise ihrer aktuellen Single „Runaway“ (hier besonderes der „Brendan Long Mix“).

Wiki weiß alles: In der allseits nützlichen Onlinebibliothek wird LADYTRON übrigens als eine „Electropop-Band aus Liverpool mit nachzuvollziehenden Strukturen“ beschrieben (wobei aber Mira ihren Ursprung in Bulgarien und Helen in Glasgow hat). Ein bisschen differenziertes geht es aber schon. Mal abgesehen vom passenden Begriff „Electro“ darf man durchaus vom Begriff "Pop" etwas abrücken und LADYTRON auch komplexere Arrangements attestieren. Und sie sind keinesfalls Mainstream. Ihr weitreichendes Potenzial zeigt sich unter anderem auch in der Tatsache, dass sie als Supportband von NINE INCH NAILS im vergangenen Frühjahr eine sehr gute Figur abgegeben haben und eigentlich zu schwarz sind, um belanglos als Popband bezeichnet werden zu können. LADYTRON selbst betiteln ihren Zustand seit 2001 als „new electronic-rock movement.“ Ausverkaufte Tourneen wie zum Beispiel in Nord-Amerika und Europa lassen sie langsam aber stetig vom Geheimtipp zur Kultkombo zu Lebzeiten werden.

Mein Fazit: Mit dem aktuellen Album zeigen LADYTRON eindrucksvoll, dass sie sich zu ihren ersten soundtechnisch eher spartanisch ausgerichteten Alben sehr viel weiter entwickelt haben. Und mit der aktuellen Vinylvariante haben sie auch ihre „optischen“ Ideen weiterentwickelt.
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