SCHNEEWITTCHEN: Perlen Vor Die Säue
Webzine - Rezensionen
Geschrieben von: Michael Hoch   
Donnerstag, 19. Juni 2008 um 01:00 Uhr
perlenvordiesaeueEine schaurig-groteske Musikrevue. SCHNEEWITTCHEN sind zurück. Und hatte ich im Review des Albums zuvor von 2005 noch davon gesprochen, dass beim Nachfolger was wirklich Gutes rauskommen könnte, wenn die beiden Künstler noch mal in sich gehen und musikalisch weiter an sich arbeiten, scheint dies - ganz ohne unseren Einfluss natürlich – erstaunlich gut aufgegriffen worden zu sein. Aber werfen wir hier mal keine „Perlen vor die Säue“, sondern konzentrieren uns auf das Wesentliche: das aktuelle Album. Und würde in diesem Moment gerade das Telefon klingeln und jemand würde fragen, was denn bitteschön da im Hintergrund läuft, könnte man – um die Sache abzukürzen und von Abschweifungen und ausufernden Beschreibungen abzusehen, locker sagen: ROSENSTOLZ für dunkle Seelen.
Aber eigentlich passen sie nirgendwo so richtig rein, was SCHNEEWITTCHEN vielleicht gerne hören. Schubladen sind ja immer irgendwie unangebracht. SCHNEEWITTCHEN sind nicht dies und nicht das. Sie machen SCHNEEWITTCHEN-Musik. Minimalistisch ohne große Effekte, aber mit zweideutigen großen Texten.

Wer SCHNEEWITTCHEN und ihr neues Album „Perlen vor die Säue“ in Händen hält, bekommt sogar mehr als noch beim Vorläufer. Hier sind noch drei Videos mit drauf und 13 Songs sind zu hören, während das vorangegangene Album „Keine Schmerzen“ ein Video und neun Songs beinhaltete.

Natürlich kann man im – nennen wir es mal – privat-professionellen Bereich keine Bombastveröffentlichungen erwarten mit DVD, Bonus-Songs oder limitierten Special-Editions. Muss ja auch nicht. Frisst eh zu viele Produktionskosten. Und im Falle von SCHNEEWITTCHEN, die ja nun mal ein Randpublikum ansprechen, würde es sicher auch nicht viel Sinn machen. Man darf da ruhig die rohen Songs für sich sprechen lassen. Weiterhin halten Marianne Iser und Thomas Duda aber an ihrem typischen freizügigen Design fest. Durchaus ein Erkennungszeichen. Und ein weiteres ist sicher Mariannes facettenreiche Stimme zwischen der frühen Nina Hagen und AnNa R.

„Perlen vor die Säue“ ist ein Album für den reinen Hausgebrauch, zum Zuhören und Mitfühlen. Und das ist ein weiterer Pluspunkt SCHNEEWITTCHENS: die natürliche Atmosphäre, wenn sich das Piano über den lyrischen, aber immer auch klar und direkten, Texten erhebt und die Oktaven Marianne Isers verstärkt. Hier kommen noch richtige Instrumente zum Einsatz, ein Kontrabass und ein Cello beispielsweise. SCHNEEWITTCHEN haben sich auf ihrem mittlerweile fünften Album wieder mehr auf „Handarbeit“ konzentriert und sind weniger elektronisch wie auf „Keine Schmerzen“. Und Titel wie „Sonnenuntergang“ bis „Komm, wir ritzen uns die Adern“ zeigen auf, wohin die Reise textlich auf „Perlen vor die Säue“ geht.

Zu dieser Musik stellt man sich einen Samtteppich vor, gedämpftes Licht, geblümte Tapeten und ein paar Nebelschwaden. Eine gediegene Musikrevue über Gefühlsduselei, Verzweiflung und Tod. Und im Grunde könnte man sagen, SCHNEEWITTCHEN befänden sich in einer Art Kulturauftrag. Auf einem Konzert in Dessau vor kurzem brachten sie nicht nur einige neue Lieder zum Besten, sondern interpretierten auch Kurt Weill/Bertold Brecht-Stücke und gleich zwei Theatergruppen (unter anderem für die Produktion „Sex, Drugs & Shakespeare“) befanden die Songs SCHNEEWITTCHENs als äußerst passend und integrierten sie in ihre Inszenierungen. Selbst der MDR brachte in seinem Kulturmagazin „artour“ einen Bericht über die Dreharbeiten zum Video „Destruktiv“. Und Marianne Iser und Thomas Duda nennen einen Fanclub ihr Eigen (Die „Schneewittchenjünger“).

SCHNEEWITTCHEN ragen aus dem Rest der sonst so üblichen Veröffentlichungen in artverwandten Genres ganz klar heraus. Sie sind ganz speziell, weshalb eine Kategorisierung für die „Facts und Infos“ hier auch wahrlich schwer fiel. Vermutlich würden sich Iser und Duda auch nicht an einem Veriss stören, weil sie wissen, dass sie ihre Sache gut machen. Und was zählt da schon die Meinung eines Einzelnen? Andererseits gibt es auch keinen Grund für negative Review-Schlagzeilen.

Mein Fazit: SCHNEEEWITTCHEN spucken Blut und Lieder. Das bringt es auf den Punkt. Und ihre Erfahrung lehrte sie Tiefe.
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